Villa Freisleben: 100 Jahre Zeitgeschichte

»Hier bin ich getauft worden«, erzählt Christian Freisleben und zeigt den Journalisten Schwarz-Weiß-Aufnahmen von damals. Daran erinnert im heutigen Foyer der Villa Freisleben an der Loschwitzer Straße kaum noch etwas, auch den Kronleuchter vom Foto gibt es nicht mehr. Der heute 83-Jährige ist am 4. August mit seiner Frau Rosemarie an den Ort seiner Kindheit zurückgekehrt, weil es einen 100. Geburtstag zu feiern galt: 1916 wurde die Villa im Auftrag der Familie Freisleben im Stil des Neoklassizismus mit vielen Jugendstilelementen erbaut. Sie gehört bis heute zu den repräsentativsten Villen in Blasewitz und reiht sich ein in die architektonischen Kleinode rund um den Waldpark.

Mit der Villa eng verbunden ist die Geschichte der Familie. Von 1916 bis 1956 lebten fünf Generationen hier. Christian Freisleben erinnert sich an gute und an schwierige Zeiten, erzählt wie im Zeitraffer eine deutsch-deutsche Geschichte. Sechs Jahre seiner Kindheit verlebte er hier, bis der Vater nach Halle an die Universität berufen wurde. Nach dessen Tod wohnte seine Mutter mit den drei Kindern wieder hier. »Beim Bombenangriff 1945 war hinter dem Holzzaun eine Fliegerbombe explodiert. Das Haus hatte überall Risse bekommen, Mauerstücke waren rausgeflogen«. Aus Sorge, das Gebäude würde einstürzen, zog die Mutter mit ihren Kindern aus. Großmutter Anna blieb wohnen, auch Ausgebombte waren zeitweilig hier untergebracht. In Kindheitstagen wurde im Garten und im Waldpark gespielt, auf den Tennisplätzen konnte man im Winter Schlittschuh fahren. Die Familie führte damals die erste Metallscheideanstalt Europas und die älteste deutsche Blattgoldschlägerei, gegründet 1830. Christian Freisleben erbte nach seinem Abitur 1951 von Oma Anna das Unternehmen, das in der Dürerstraße seinen Sitz hatte. Bedingung war, dass er das Handwerk Blattgoldschlagen erlernte. Nach zwei Jahren musste er aus gesundheitlichen Gründen aufhören. Weil seine verwitwete Mutter für ihre drei Söhne keine berufliche Perspektive in der jungen DDR sah – »wir waren ja keine Arbeiterkinder« –, ging sie nach Würzburg. Im Westen sicherte eine Pension ihres verstorbenen Mannes die Ausbildung der Kinder. Christian Freisleben wurde in Nürnberg Industriekaufmann. Seine Brüder hatten 1951 die Villa geerbt. Sie blieb immer im Privatbesitz. Hier war zeitweilig auch das Büro der Blattgoldschlägerei untergebracht, die 1972 enteignet und in den VEB Blattgold Dresden umgewandelt wurde. Im fränkischen Wendelstein knüpfte die Wegold Edelmetalle GmbH an die Tradition an, die heute von Jürgen Freisleben als Familienbetrieb geführt wird, einem Nachfahren der einstigen Unternehmensgründer. Bei gelegentlichen Besuchen in Dresden zu DDR-Zeiten half manche Westmark bei der Werterhaltung des Gebäudes.

Nach der Wende ließen die Brüder die Villa von grundauf sanieren – gemäß der strengen Vorschriften des Denkmalschutzes. Während der Zeit war Christian Freisleben öfter in Dresden, übernachtete unterm Dach der Villa. »Ich liebe dieses Haus«, bekennt er. Das geschichtsträchtige Anwesen, von Architekt Hans Paulick entworfen, hat seine äußere Gestalt im Wesentlichen behalten. Das Innere wurde so umgebaut, dass 18 kleine Apartments entstanden. Seit 1994 dient es als Apart-Hotel.

Im Sommer 2009 übernahm es die Wiener Aaron Holding AG, die die Villa bautechnisch auf den neuesten Stand brachte. Dabei wurde Wert gelegt auf den Erhalt historischer Details. So erinnern heute noch die aufgearbeiteten Stuckdecken oder die Bleiglasfenster im ehemaligen Musikzimmer an die Entstehungszeit. In der Lobby fällt ein über 90 Jahre alter Wandbrunnen ins Auge. Er ist aus Meißner Keramik und hatte in Kindertagen von Christian Freisleben seinen Platz in der 1. Etage.

Quelle: Dresdner Stadtteilzeitungen